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„Man braucht immer einen Plan B“

Ist die Entscheidung gefallen, wieder arbeiten zu gehen, gibt es nicht den einen Weg. Jede Familie ist anders gestrickt, jeder Job erfordert eine ganz bestimmte Organisation der Kinderbetreuung. Zu diesem Thema hat uns Julia (34) erzählt, wie sehr sie beim Wiedereinstieg jonglieren musste.

wiederarbeiten.com: Mutter Julia erzählt von den Höhen und Tiefen beim Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternzeit.wa: Julia, Du bist Personalkauffrau und seit August 2012 Mutter von einem Sohn. Wie lange warst Du in Elternzeit?

Julia: „Ich hatte mit meinem Arbeitgeber vereinbart, dass ich ein Jahr Elternzeit nehme. Ich habe diese Zeit mit Luis sehr genossen. Hin und wieder haben wir auch meine Kolleginnen im Betrieb besucht – die waren ganz vernarrt in den kleinen Sonnenschein. Manchmal waren wir dann auch beim Chef. Drei Monate vor dem Ende der Elternzeit fragte er, mit wie vielen Stunden ich denn ab August wiederkommen wolle. Und da kam ich total ins Schwitzen, sagte aber spontan, dass ich 30 Stunden in der Woche wieder arbeiten möchte. Obwohl ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht hatte. Und eine Betreuung für Luis hatte ich auch noch nicht. Das war irgendwie alles noch so weit weg – obwohl die Zeit so schnell verging!

Und plötzlich war die Elternzeit fast vorbei

wa: Und dann hast Du losgelegt?

Julia: Ja, so richtig. An dem Abend habe ich lange mit meinem Lebensgefährten zusammen gesessen. Dass ich wieder arbeiten wollte, war klar. Wir wussten aber auch, dass wir Luis nicht in die Kita geben wollten. Er war noch so klein und konnte ja noch gar nicht laufen. Ich hatte die Vorstellung, dass er in der Kita von den größeren Kindern überrannt würde. Wir haben an den folgenden Abenden das komplette Internet nach einer Kinderbetreuung für ganz Kleine durchsucht. Wir fanden aber nur eine Tagesmutter, die zwei Stadtteile weiter Kleinkinder bis 3 Jahre betreute. Das war für uns eigentlich zu weit weg, aber ich habe sie trotzdem am nächsten Morgen angerufen.

wa: Und sie war direkt die Richtige?

Julia: Nein. Sie hatte zwar noch einen Betreuungsplatz frei, aber sie erklärte, dass doch die Frau Müller direkt bei uns in der Nähe viel besser zu erreichen wäre. Ich bekam also eine Telefonnummer und rief Frau Müller sofort an. Dass sie empfohlen wurde, freute sie sehr. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag zum Kennenlernen.

wa: Hast Du Dich darauf vorbereitet?

Julia: Ich hatte so viele Fragen im Kopf, eigentlich hätte ich mir alles aufschreiben müssen. Aber das brauchte ich gar nicht. Frau Müller öffnete die Tür und wir fanden uns sofort sympathisch. Wir haben dann zwei Stunden in ihrem wunderschön eingerichtete Spielzimmer gesessen. Luis ist die ganze Zeit durch den Raum gerobbt und war total begeistert. Frau Müller hat mir alles erklärt. Sie hat alle meine Fragen beantwortet, ich musste gar nichts fragen.

wa: Das klingt nach einem echten Glücksgriff!

Die Tagesmutter war die perfekte Lösung für uns!

Julia: Ja, das war es auch. Wir haben mit der Tagesmutter die für uns perfekte Kinderbetreuung gefunden. Luis war so gerne bei ihr. Die anderen Kinder waren ungefähr im gleichen Alter. Das war eine so tolle Truppe.

wiederarbeiten.com: Kinderbetreuung durch Tagesmutter ist flexibler und fördert die Kleinen individuell.wa: Wie lange war Luis immer bei der Tagesmutter?

Julia: Luis war an vier Tagen in der Woche von 7:30 bis 14:30 Uhr bei ihr. Immer freitags ist meine Mutter zu uns gekommen und hat sich um Luis gekümmert. Die Zeiten bei der Tagesmutter waren ideal. Ich konnte Luis ab 7:15 Uhr zu ihr bringen. Um 8:00 Uhr saß ich dann spätestens an meinem Schreibtisch. Um 14:00 Uhr habe ich Feierabend gemacht und habe Luis direkt abgeholt.

Wenn meine Mutter an einem Freitag mal nicht kommen konnte, haben wir diesen einen Tag in der Woche mit der Tagesmutter getauscht. Sie war insgesamt sehr flexibel. Aber nicht nur das. Bei ihr hat sich Luis total toll entwickelt. Sie hat die Kinder ganz toll gefördert. Es wurde musiziert, gespielt, gebastelt, gebacken, geturnt. Sie sind auch oft gemeinsam losgezogen mit so einer großen Schiebekarre in den Wald oder auf den Spielplatz. Es war wie in einem kleinen Kindergarten. Die Kinder sind bis heute befreundet und wir treffen uns regelmäßig.

wa: Wie war es denn, wieder zu arbeiten?

Julia: Weil ich wusste, dass Luis sehr gut betreut ist, musste ich mir keine Sorgen machen. Ich hatte Spaß wieder zu arbeiten. Ich war endlich nicht mehr nur Mutter, sondern auch wieder Personaldisponentin. Es gab wieder Themen, die sich nicht nur um das Kind drehten. Außerdem hatte ich meine Kolleginnen sehr vermisst. Und das soziale Leben sowieso. Mein persönlicher Aktionsradius hat sich dadurch auch wieder normalisiert.

wa: Wie hast Du die Doppelbelastung von Arbeit und Kindererziehung empfunden?

Morgens dachte ich immer, dass ich den Tag nicht schaffen würde.

wiederarbeiten.com: Zeitmanagement beim Wiedereinstieg.Julia: Am Anfang war es ganz schön schwierig und ich war immer müde. Es ist ja nicht so, dass ein Einjähriger jede Nacht durchschläft. Wenn morgens der Wecker klingelte, habe ich nicht gedacht, dass ich den Tag schaffen würde. Aber sobald ich aus dem Bett raus war, ging es meistens von alleine. Ich bin immer extra früher aufgestanden, so dass ich fertig geduscht und angezogen war, bevor ich Luis geweckt habe. Mein Lebensgefährte ist auch schon immer ganz früh zur Arbeit gefahren. Er hatte aber auch einen viel längeren Weg in sein Büro und musste pro Weg eine Stunde fahren. Dafür war er schon immer am späten Nachmittag zu Hause und wir haben die Zeit zu Dritt verbracht. Am Wochenende hat er sich dann oft seinen Sohn geschnappt und ist in den Zoo oder zum Spazieren gehen in den Wald gefahren. Die beiden waren dann fast den ganzen Tag unterwegs. Ich konnte dann immer ein wenig Schlaf nachholen und hatte Zeit für mich.

wa: Aber es gab bald eine gewaltige Veränderung!

Julia: Ja. Nach einem halben Jahr im Betrieb wurde eine Führungsposition frei und ich habe mich auf diese Vollzeitstelle beworben. Wir haben lange darüber gesprochen, wie wir das organisieren können. Auch haben wir die Tagesmutter gefragt, ob wir die Stunden an den vier Tagen generell aufstocken können. Auch hier war sie flexibel. Ich habe die Stelle dann bekommen. Wir haben dann für uns ein sehr gutes System entwickelt: Wenn ich Luis morgens in die Kita gebracht habe, saß mein Lebensgefährte bereits im Büro. So konnte er früher Feierabend machen und ihn um 16 Uhr abholen. Wenn ich wusste, dass ich schon morgens ein Meeting habe, haben wir es umgekehrt gemacht. Irgendwann wurde das zur Routine. Wir haben aber trotzdem tagsüber regelmäßig telefoniert und abgesprochen, wenn einmal etwas nicht gepasst hat.

Wenn ich spät nach Hause kam, hat Luis oft schon geschlafen. Das war manchmal ganz schlimm für mich. Dann habe ich mich trotzdem noch an sein Bett gesetzt und habe ihm Schlaflieder vorgesungen.

wa: Und Deine Mutter war freitags immer bei Euch?

Julia: Am Anfang ja. Dann wurde sie schwer krank und konnte nicht mehr zu uns kommen. Wir waren total geschockt über die Krankheit. Gleichzeitig mussten wir wieder etwas organisieren, denn die Tagesmutter hatte keine Stunden mehr frei.

wa: Oh je, wie habt Ihr das gelöst?

Die beste Strategie bei Problemen: Offen drüber sprechen!

wiederarbeiten: Bei Problemen hilft ein Gespräch immer weiter.Julia: Zunächst einmal habe ich ganz offen mit meinem Chef über die Krankheit meiner Mutter gesprochen. Er war sehr verständnisvoll und hat mir erlaubt, alle zwei Wochen freitags von zu Hause zu arbeiten. Wir haben dann mit der Mutter meines Lebensgefährten gesprochen. Sie hatte zu Anfang zwar gesagt, dass sie in die Kinderbetreuung nicht eingespannt werden möchte. Und eigentlich wollte ich deshalb gar nicht, dass wir sie fragen. Aber sie sah dann, wie verzweifelt wir waren und da hat sie uns dann doch geholfen. So habe ich Luis dann alle zwei Wochen freitags zu seiner Oma gefahren.

wa: Was hättet Ihr gemacht, wenn sie nicht bereit gewesen wäre, Luis freitags zu nehmen?

Julia: Ich hatte schon einen Plan B im Hinterkopf. Ich habe, seit Luis auf der Welt ist, immer einen Plan B. Den braucht man ständig. In diesem Fall hätte ich meine Nachbarin gefragt. Sie hat eine Tochter, die ein Jahr älter ist als Luis und war zu Hause. Wir hatten uns angefreundet und das wäre eine weitere Möglichkeit gewesen. Oder ich hätte meine Schwester gefragt. Oder meine Tante. Die wohnt zwar nicht in unserer Nähe, aber wenn es die einzige Möglichkeit gewesen wäre, hätten wir den weiten Weg auch in Kauf genommen.

wa: Wie wichtig ist ein Netzwerk?

Ohne unser Netzwerk, wären wir untergegangen!

Julia: Ein persönliches Netzwerk ist das Wichtigste überhaupt. Man kommt so oft in Situationen, die man alleine nicht bewältigen kann. Und wenn man fragt und Hilfe nicht überbeansprucht, wird geholfen. Wir laden unsere lieben Helferinnen und Helfer ganz regelmäßig zu uns ein und bewirten sie ganz groß. Oder wir gehen zusammen essen. Oder wir schenken ihnen eine Kleinigkeit. Dann sagen sie immer, dass das doch nicht nötig wäre. Aber ich finde, dass wir so sehr von der Hilfe profitiert haben, dass wir gerne etwas zurückgeben wollen.

wiederarbeiten.com: Einladung als Dankeschönwa: Wie lange war Luis bei der Tagesmutter?

Julia: Luis war zwei Jahre bei der Tagesmutter. Wir haben uns ganz zeitig um einen Kitaplatz gekümmert und dann in einer ganz neu gebauten Kita in unserem Stadtteil einen Platz bekommen. Da war Luis gerade drei geworden. Dadurch, dass er schon so lange bei der Tagesmutter war, hatte er überhaupt keine Probleme bei der Eingewöhnung. Ganz im Gegenteil. Als wir ihn an seinem ersten Kitatag nach drei Stunden abholen wollte, wollte er am liebsten noch da bleiben.

wa: Kindergartenkinder sind ja oft krank.

Julia: Oh ja, die bekommen alle möglichen Viren und Bakterien ab. Luis hatte zweimal Scharlach und von November bis März war er immer dauererkältet. Wenn er mit Fieber oder einem schweren Infekt zu Hause bleiben musste, haben mein Lebensgefährte und ich uns die Kinderkrankenscheine geteilt. Meistens war Luis nach ein paar Tagen wieder fit.

wa: Jetzt geht Luis  schon in die Schule. Wie ist das mit der Nachmittagsbetreuung?

Julia: Ja. Auch das war gar nicht so einfach. Uns wurde beim ersten Elternabend gleich erklärt, dass es nicht genug OGS-Plätze für alle Kinder gäbe und unter allen Interessenten ausgelost würde. Da sind die arbeitenden Eltern natürlich auf die Barrikaden gegangen. Es wurde dann entschieden, dass die arbeitenden Alleinerziehenden und die Familien, in denen beide arbeiten, mit einem Nachweis des Arbeitgebers bevorzugt würden. Und so haben wir diesen Platz überhaupt nur bekommen. Und auch hier geht es Luis richtig gut. Das Nachmittagsangebot ist ganz toll und Luis macht an jedem Wochentag in einer anderen AG begeistert mit.

wa: Wir geht’s Dir heute im Job?

Julia: Für mich war es die beste Entscheidung, nach einem Jahr wieder arbeiten zu gehen. Ich wäre sonst heute nicht dort, wo ich jetzt bin. Dass ich als Mutter eines Kleinkindes in eine Führungsposition gekommen bin, ist natürlich auch der Verdienst meines Chefs. Er weiß, wie gut organisiert Mütter sind!

wa: Was rätst Du einer Wiedereinsteigerin?

Julia: Man muss sich rechtzeitig um eine Kinderbetreuung kümmern. Am besten direkt kurz nach der Geburt. Wir hatten einfach sehr viel Glück. Das hätte auch schief gehen können. Bei einer Tagesmutter sollte man auf sein Bauchgefühl hören und schauen, ob sich das Kind wohlfühlt. Wenn Mutter und Kind zufrieden sind, passt es. Grundsätzlich ist es gut, in der Elternzeit den Kontakt zum Chef zu halten und regelmäßig die Firma zu besuchen.

wa: Julia, vielen Dank für dieses interessante Gespräch und Deine Offenheit. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Gute.

 

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[Text: Silke König | Fotos: unsplash.com]

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